Genuss: Whisky und Literatur

Ich habe die Ehre!

Zum ersten Mal bin ich nicht nur Teilnehmer einer Lesung sondern Veranstalter. Denn am 19. Februar sind die großartigen Autoren der Lesebühne Phrase 4 bei uns in Dresden-Laubegast, um uns mit ihren wunderbaren Kurzgeschichten zu unterhalten.

Was ist schöner an einem dunklen Winterabend, als sich mit einem guten Glas Whisky an den Kamin zu setzen und einer fesselnden Erzählung zu lauschen?

Beginn ist 19:30 Uhr im Breitengrad, Altlaubegast 8.

Eintritt 7 € (inkl. Whisky)I-Net

Ich freue mich auf lustige und spannende Momente auf der Bühne und obendrein auf einen besonderen Whisky im Glas. Denn es wird einen ausgezeichneten Islay Malt namens Ardbeg Corryvreckan geben. (Die Beschreibung auf Whisky.de verspricht ein spannendes Abenteuer für die Geschmacksknospen. Alternativ gibt es den Arran Sauternes Cask Edition für Whiskyanfänger und Fans eleganter rauchfreier Whiskys.)

Das wird großartig! Ich hoffe Du kommst vorbei, um diesen wunderbaren Abend mit uns zu teilen.

 

Sei herzlich eingeladen

von Maximilian Schwarz

 

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Das kurze Zögern

Einer der Texte, die ich zur Finallesung der Dresdner Miniaturen vorgetragen habe:

Das kurze Zögern

Sein Anblick stört die Reinheit der Asphaltwüste. Schamlos ekle ich mich vor seinem fettigen Vollbart, dem braun bespritzten Sweatshirt und den zu kurzen Jeans. Der Bus hat Verspätung. Flimmernd steht die Luft über der schwarzen Teerfläche und ich kann nichts tun, als ihn anzusehen. Er starrt zurück, doch ich bin unantastbar.

Ich stehe neben der Welt. Isoliert von einem Schutzschild, das meine Kopfhörer erschaffen, verfolge ich sein träges Näherkommen bis ich die roten Äderchen in seinem verschorften Gesicht sehen kann. Nur das Kraftfeld trennt uns.

Sein Blick spricht und ich hebe eine Hörmuschel, damit ich ihn verstehe.

Hätten Sie etwas Kleingeld für einen freien Menschen?

Wir sehen uns in die Augen. Er weiß, dass ich ihn verstanden habe, doch sein Blick tastet unsicher über mein Gesicht und versucht die Antwort zu erraten, bevor ich sie selbst kenne. Ich überlege, ob es in diesem Land nötig ist zu betteln. Vielleicht nein, weil man auf jedem Hartz-IV-Amt genügend Geld für Wohnung und Essen bekommt? Vielleicht ja, um frei zu sein von Menschen, die über einen bestimmen? Die festlegen, wann und wo man zu sein hat. Was man zu sein hat!

Gedanken gleiten schwerfällig durch mein Hirn und die Zeit scheint sich in der Hitze auszudehnen, sich zu verflüssigen, wie auf einem Bild von Salvador Dalí.

Der Kopfhörer gleitet zwischen den schwitzigen Fingern hindurch und schnappt zurück aufs Ohr. Die schützende Sphäre schließt sich wieder um mich.

Ein Zucken seines Nackens, die erste Mikrobewegung seines Abwendens lässt meine Hand zur Hosentasche gleiten. Gerade als er resigniert einsieht, dass er nichts bekommen wird und vor Enttäuschung müde die Augen abwendet, schließen sich meine Finger um einige schwere warme Münzen. Ich grabe mich tiefer in die Tasche, bis er es bemerkt und zögernd stehen bleibt, um zu beobachten, wie sich meine Hand aus dem engen Jeansstoff windet.

Meine Faust öffnet sich und das blitzende Kupfer lockt ihn zurück, aber mir ist es peinlich. Meine Mutter hätte nie erlaubt, einem Straßenmusiker soviel beleidigendes rotes Metall in den Gitarrenkasten zu werfen. Ein Stück Silber ist Anerkennung, eine Handvoll Buntmetall ist Verachtung. Doch ich habe nichts Anderes für ihn. Das muss entwürdigend sein. Aber wahrscheinlich ist Entwürdigung der wahre Preis für die Freiheit. Wenn Du niemandem dienst, dann ist auch keiner da, der Dir die Würde zuspricht. Unantastbar ist sie nur in dir selbst.

Ich streiche mit dem Finger über die Münzen und lege ein Zweieurostück frei. Meine Bewegung stockt. Am liebsten würde ich die schöne große Münze herausnehmen und sie zurück in meine Tasche stecken, aber er hat sie schon gesehen und ich muss wieder an meine Mutter denken. Er streckt mir seine Hand entgegen, sie begegnet meiner fast und hält doch einen winzigen Abstand. Wir inszenieren eine spiegelverkehrte Kopie von Michelangelos Bild in der Sixtinischen Kapelle. Das, in dem Gott Adam die Hand entgegenstreckt, um ihm das Leben zu schenken. Nur sind unsere Handflächen nach oben gerichtet. Eine wichtige Korrektur des Motivs, denn meine Gaben laufen Gefahr, herunterzufallen und im weichen Asphalt festgetreten zu werden. Vielleicht hätte Gott den Funken des Lebens auch lieber behalten, als ihn zu verschenken. Dann stünden wir jetzt beide nicht hier. Die Erkenntnis trifft mich, obwohl ich mir des religiösen Unfugs und meiner Selbstüberhöhung bewusst bin. Aber ich schaffe es nicht, meine Hand zurückzuziehen.

Sie hat die Sphäre meines Kraftfelds verlassen und begegnet nun seinen knochigen Fingern. Die Münzen fallen und durchdringen sein Schutzschild, diesen Kokon aus Schweiß und Dreck, der ihn von der Welt isoliert.

Schutzlos spricht der Dank aus seinen Augen.

Der Bus kommt.

Häuserkampf in Laubegast – Teil 2

Herr F. hat eine Anmerkung an meinen Brief geklebt. Er schreibt:

Wenn unter 10 Terroristen die versehentlich ins Land gelassen wurden einer auf dem Striezelmarkt oder im Dynamostation eine Bombe zündet was dann?

Sollten Sie einmal die Verantwortung für Kinder tragen werden Sie sicher eine andere Meinung haben.
Sehr geehrter Herr F.,

auch wenn ich noch keine Kinder habe, kann ich Ihr Bedürfnis Ihre Lieben in Sicherheit zu wissen sehr gut verstehen. Ich möchte auch keinen meiner Brüder oder meine kleine Schwester verlieren. Und natürlich sorge ich mich wegen der Gefahr von Terroranschlägen. Aber wir können unsere Familien ohnehin nicht vor allen Gefahren des Lebens schützen. Jährlich sterben etwa 5000 bis 10.000 Menschen an Grippe. Im Winter 2008/2009 zählte das Robert-Koch-Institut sogar 19.000 Grippetote in Deutschland. Darüber gerät kein Mensch in Panik. Letztes Jahr gab es 3368 Verkehrstote in diesem Land, doch niemand käme auf die Idee, deshalb Autos verbieten zu wollen.

Ja, Terroranschläge machen Angst, aber es wäre traurig, wenn wir vor lauter Furcht, die Menschlichkeit aufgeben würden. Denn dieser Preis stünde in keinem Verhältnis zu dem bisschen mehr an Sicherheit, das wir erhielten.
Hochachtungsvoll

Maximilian Schwarz

Häuserkampf in Dresden Laubegast

[Ausnahmsweise mal etwas Politisches.]

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Wir betreiben Häuserkampf in Dresden Laubegast.

Der Schauplatz des Konflikts: Eine Pinnwand im Hausflur.

Ein Flugblatt ruft zum Aufmarsch vor dem zukünftigen Flüchtlingsheim Hotel Prinz Eugen. Es verschwindet nach kurzer Zeit spurlos.

Stattdessen hängt da eine Broschüre von Laubegast ist bunt, die aber schon beim nächsten verlassen des Hauses zerknickt hinter eine Ecke des Bords gesteckt ist. Nachdem ich sie wieder gut lesbar an die Wand pinne verschwindet sie ganz.

Am Morgen, dem Morgen nach den Pariser Anschlägen hängt da ein Peacezeichen, das mit dem zusätzlichen Querbalken entfernt an den Eifelturm erinnert. Darunter ist zeichnerisch ungeschickt eine Explosion angedeutet, die das Wort Frankreich umschließt. Da steht auch Deutschland und Wann??

Es folgen Sätze wie: Denkt mal 10 – 15 Jahre weiter. Wenn die Islamen ihre Religion uns aufzwingen. Diese werden den Teufel tun sich zu integrieren. Tausende sind schon da und es kommen immer mehr.

Der Autor ist Herr F., ein höflicher älterer Herr – die gute Seele des Hauses. Er schreibt, wir sollen den Brief nicht gleich wieder abnehmen, sondern mit ihm darüber reden und vor allem sollen wir mal nachdenken.

Das habe ich getan und ihm eine Antwort geschrieben:

Sehr geehrter Herr F.,

zunächst möchte ich Ihnen meinen Respekt dazu aussprechen, dass Sie sich namentlich zu Ihrer Position bekannt haben und den Dialog suchen.

Wie Sie es in ihrem Text darstellen sind muslimische

? Flüchtlinge = Feinde ?

die hier Terroranschläge verüben und auf lange Sicht unsere Gesellschaft vernichten wollen. Diese Ansicht halte ich für falsch. Zunächst einmal sind alle

! Flüchtlinge = Menschen !

und haben daher ein Recht auf Asyl, gemäß Artikel 14 der Charta der Menschenrechte. Diese Liste der Grundrechte aller Menschen wurde 1948 infolge der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs aufgesetzt. Zum Beispiel, um zu verhindern, dass noch einmal so etwas passiert wie in der Schweiz, die jüdische Flüchtige wegen des massiven Zustroms nicht mehr aufnehmen wollte und sie zurück nach Deutschland und damit in den Tod schickte.

Auch damals gab es eine Ungleichverteilung der Flüchtlinge, weil viele Länder nicht bereit waren ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist traurig, dass sich so etwas heute wiederholt. Aber das ist nicht Schuld der Flüchtlinge, sondern die nationalistischer Politiker in unseren europäischen Nachbarstaaten.

Wirklich schockiert hat mich Ihre Behauptung, die Muslime würden uns in 15 Jahren ihre Religion aufzwingen. Das ist kein Diskussionsargument, sondern eine Angst. Und ich glaube Ihre Angst kommt zum großen Teil daher, dass Sie die Begriffe Moslem und Islamist vermischen. Sie bedeuten aber nicht das Gleiche. Ein Moslem ist ein normaler Religionsangehöriger des Islam und damit kein bisschen gefährlicher als ein Christ, Buddhist oder Hinduist. Ein Islamist hingegen ist ein Mensch der sich kompromisslos für die Verbreitung des Islam in seiner extremsten Auslegungsform einsetzt, das heißt zur Not auch mit Waffengewalt. Die Soldaten der al qaida, die ISIS-Truppen und die Terroristen in Paris, das sind Islamisten. Die Syrischen Flüchtlinge hingegen sind zum großen Teil friedliche Muslime und Jesiden auf der Flucht vor den Islamisten.

Ich persönlich kenne einige Muslime durch meine Reiseleitertätigkeit in Ostanatolien. Die Kurden dort sind äußerst freundliche, lebensfrohe Menschen, die ihre Religion genauso locker leben wie bei uns das Christentum gelebt wird. Alkohol und Frauen ohne Kopftuch sind da kein Problem. Und doch sind sie anders, in mancher Hinsicht auch rückständiger als wir, was zum Beispiel die Frauenrechte angeht. Aber genau hier liegt auch die Chance einer Völkerbegegnung in Deutschland. Durch gutes Vorbild könnten wir zum Beispiel den syrischen Frauen die Kraft geben, sich ebenfalls zu emanzipieren.

Dafür braucht es aber eine tatsächliche Integration, was heißt, dass man sich normal begegnet und miteinander spricht. Damit das geht sind beide Seiten gefordert. Zum einen müssen wir genügend Deutschkurse anbieten und ich erwarte, dass unsere Gäste diese auch nutzen. Zum anderen ist es wichtig, dass sich die Neuankömmlinge nicht ausgegrenzt fühlen, damit sie Mut haben, uns kennen zu lernen und sich nicht in den Kreis ihrer Mitflüchtlinge zurückziehen.

Ob man einem Fremden mit grimmigem Gesicht oder einem Lächeln entgegentritt, hat großen Einfluss auf seine Gegenreaktion. Leider wird es Ihre Angst Ihnen nicht leicht machen zu lächeln. Und wenn sich vorm Asylbewerberheim nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich eine stumme Menge sammelt, dann ist das schon gruselig, dann haben die Fremden auch Angst, so wie Sie. Entsprechend reserviert werden sie Ihnen auch begegnen. Denn keiner hat es gern, wenn er spürt, dass er nicht willkommen ist, weil man ihm insgeheim unterstellt, er sei ein Schmarotzer oder gar ein Terrorist.

Es stimmt, mindestens einer der Terroristen, die diese widerlichen Angriffe in Paris geführt haben ist getarnt als Flüchtling ins Land gekommen. Sie sollten aber bedenken, dass wir zwar das Risiko eingehen versehentlich 10 Terroristen ins Land zu lassen, dafür können wir aber 1 Mio. Menschen das Leben retten. Und es sagt Ihnen keiner, dass diese Angriffe nicht trotzdem ausgeführt worden wären, wenn man keine Flüchtlinge aufgenommen hätte, denn die meisten der Attentäter waren Franzosen und Belgier. Frankreich befindet sich im Krieg mit dem Islamischen Staat. Die Französische Luftwaffe beschießt Stellungen des IS, dafür attackiert der IS die französische Bevölkerung. Die rund 250 Verletzten und inzwischen 132 Toten machen Angst und das ist vielleicht der größte Schaden, den der IS dort angerichtet hat, denn diese Angst könnte hunderttausenden das Leben kosten.

Wie Sie sehen, beschäftige ich mich durchaus mit der Flüchtlingsthematik und denke intensiv darüber nach. Meine Gedanken zu diesem Thema sind noch lange nicht erschöpft, nur die Kraft darüber zu schreiben. Wir können gerne einmal darüber reden, zum Beispiel bei einem Bier im Gerücht.

Ich hoffe, dass Sie auch diesen Brief hängen lassen, denn ich habe keinen einzigen Ihrer Zettel entfernt.

Hochachtungsvoll

Maximilian Schwarz

 

 

Gewonnen!

Lesung der Finalisten des Literaturwettbewerbs Dresdner Miniaturen

Krank und nur unter massivem Drogeneinsatz habe ich es auf die Bühne geschafft. Mit Herzrasen und Temperaturschwankungen, die wohl nicht nur auf das Amphetamin zurückzuführen waren, habe ich meine Texte verlesen und wäre in der Sekunde bevor die Namen der Gewinner genannt wurden, beinahe in Ohnmacht gefallen vor Spannung.

Zuerst war ich traurig, weil nicht ich es war, sondern Willi Hetze, der die Jury mit seinem sehr schönen künstlerischen Theatertext überzeugt hatte. Als ich dann aber meinen Namen hörte und begriff, dass ich den mit 600 € dotierten Publikumspreis gewonnen hatte, war ich verdattert aber auch sehr glücklich.

Schon erstaunlich zu welchen Leistungen einen Aspirin Complex befähigt, wenn man doch siechend im Bett liegen müsste. Ein hoch auf die Pharmaindustrie. Und einen ganz lieben Dank an die vielen Freunde im Publikum.

Gute und schlechte Nachrichten

Als dann mitten im schönsten Sommer, die Ablehnung vom Deutschen Literaturinstitut kam, war ich zunächst unfähig das Ergebnis anzunehmen. Ich fühlte rein gar nichts dabei. Außerdem hatte ich gerade einen spannenden Job und sowieso keine Zeit mich mit der Schriftstellerei zu beschäftigen. Doch das Gefühl kam. Zwei Monate später, in Form einer ausgewachsenen Schreibblockade, die sich erst wieder löste als ich diese Einladung in meinem Postfach fand:

Lieber Maximilian Schwarz,
 
Ihr Beitrag „Das kurze Zögern“ zum DRESDNER Miniaturen-Wettbewerb, … hat die Jury überzeugt … Sie als einen der sechs Finalisten für die Preislesung auszuwählen… die am Sonntag, den 15. November 2015 um 18.30 Uhr stattfinden wird.

Ich weiß nicht, was ich ohne diesen positiven Impuls gemacht hätte. Er kam jedenfalls genau zur richtigen Zeit. Nun bin ich wieder auf Kurs, der Roman wächst und ich würde mich freuen Euch bei der Lesung mit einigen meiner Texte zu erfreuen.
Kommt mit an Bord des deutsch-tschechischen Kulturschiffs Nike, bzw. in die Cargo Gallery am Anleger 7 unterhalb vom Hotel am Terrassenufer!
8,- € Abendkasse | 6,- € Vorverkauf

Ich freu mich auf den Abend und hoffe auf Eure Unterstützung!

Das Dilema des Mittelmäßigen – Ein Rückblick auf den Sommer

Ich wünschte ich könne mich bei dem schönen Wetter einfach mit dem Kofferradio an die Kiesgrube legen und RSA hören. In meiner simplen Dummheit könnte ich einfach das Wasser und die Sonne genießen. Könnte einfach da liegen, ohne höhere Ziele zu verfolgen und ohne mich erbrechen zu müssen über das Geschwätz von Böttcher und Fischer.

Ich muss arbeiten. Denn ich bin auch nicht schlau genug, um zu durchschauen, dass ich der Welt nichts hinzufügen kann. Dass all mein Tun vergebens ist. Ich mühe mich. Und das ist der Fehler.

Irgendwann einmal, werde ich hoffentlich so dumm oder so klug sein, einfach den Sommer genießen zu können.

Medienkonsum: J.D. Salinger – Der Fänger im Roggen

Salingers einziger Roman ist ein Meisterwerk. Der Fänger im Roggen liest sich nicht nur wunderbar flüssig, er ist auch authentisch, ehrlich und wahr. Und gerade wegen seiner Wahrheit hat dieses Buch selbst nach 70 Jahren nichts an Aktualität verloren. Ließe man Mode und Technik einmal außen vor, dann könnte sich diese Geschichte gerade letzten Winter abgespielt haben.

Holden Caulfield, Salingers ich-Erzähler, haut aus dem Internat ab, weil er es dort nicht länger erträgt. Es sind ohnehin nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Ferien und es steht jetzt schon fest, dass Holden von der Schule fliegt.

Dabei ist Holden weder dumm noch faul, er ist einfach nur ehrlich desinteressiert an dem Stoff, den man ihm eintrichtern will. Er ist nicht bereit sich für seine Lehrer zu verstellen, denn Unaufrichtigkeit widert ihn an. Eher würde er bis ans Ende der Welt fliehen als in dem verlogenen Gewirr des menschlichen Miteinanders mitzuspielen.
Auf seiner verzweifelten, oft orientierungslosen Suche nach der einen Sache, für die es sich zu Leben lohnt, träumt Holden von der unbeschwerten Kindheit. Doch der Weg zurück ist ihm – wie allen Menschen – verbaut.
Ein zentraler Satz im Buch fasst Holdens Wandlung zusammen. Er ist nicht vom Autor selbst, sondern von einem Psychoanalytiker namens Wilhelm Stekel:

Der unreife Mensch kennzeichnet sich dadurch aus, dass er edel für eine Sache sterben will, der reife dadurch, dass er bescheiden für eine leben will.

Um das zu verstehen muss Holden aber erst einmal selbst herausfinden, dass es jemanden gibt, der ihm so wichtig ist, dass er bereit wäre die Verlogenheit der Gesellschaft zu ertragen, um diesem Menschen nahe zu sein zu können.
Salinger schreibt mit liebevollem Blick über Holdens Fluchtversuche vor dem Erwachsenwerden, sein Herumirren bis er schließlich versteht, was er im Leben wirklich liebt. Es scheint als wäre der Autor selbst der Fänger im Roggen, der die unbeschwert herumtollenden Kinder auffangen will bevor sie in den Abgrund des Erwachsenenlebens fallen. Er ist der Lehrer, der seine eigenen Erfahrungen über das Erwachsenwerden weiter gibt.
Salinger ist glaubwürdig, auch dann wenn er schreibt, er würde Kunst lieber im Stillen, nur für sich selbst machen, als sie vor der ignoranten Öffentlichkeit auszubreiten. Denn genau das hat er getan, sobald er es sich leisten konnte.
Welch ein Verlust für uns Leser!

Medienkonsum: Thomas Mann – Der Zauberberg

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Hermetisch: Thomas Mann – Der Zauberberg

Handlungsabriss

Hans Castorp steht kurz davor, eine Laufbahn als Ingenieur zu beginnen. Nur ein dreiwöchiger Krankenbesuch bei seinem Vetter trennt ihn noch vom Eintritt ins Arbeitsleben. Doch wie es scheint, ist Hans selbst kränker als angenommen. Man empfiehlt ihm, seinen Aufenthalt im Schweizer Bergsanatorium zu verlängern. Was er zunächst zögerlich, dann mit immer größerem Wohlgefallen tut. Hans verliert zunehmend die Anbindung ans heimatliche Flachland. Bis es ihm ganz natürlich scheint, das Sanatorium seine Heimat zu nennen. Erst nach sieben Jahren gelingt es ihm, die Anstalt zu verlassen.

Es fällt schwer, sich zu einem Urteil über Thomas Manns gewaltiges Werk durchzuringen. Denn es hat mich mehr als nur einmal verärgert, trotz seiner brillanten Seiten.

Der Autor bringt es im Schlusswort auf den Punkt:

Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. [1]

Kurzweilig

Nein, kurzweilig im Sinne kurzweiliger Unterhaltung ist dieses Buch sicher nicht. Auch die Zeit, die es in Anspruch nimmt, dieses umfangreiche Werk durchzuarbeiten – ja arbeiten! – ist alles andere als kurz. Vier Monate hat es gedauert, mich durch die fast eintausend eng bedruckten Seiten zu kämpfen!

Der Zauberberg ist ein Buch über die Zeit, für das man sich Zeit nehmen muss. Denn es ist ein vielseitiges Buch im doppelten Sinne. Neben dem Hauptthema der Zeit betrachtet Thomas Mann Themen wie die Liebe, den Tod und okkulte Rituale, er referiert sehr plastisch und feingliedrig über die Entstehung des Lebens, und lässt seine Figuren rhetorische Gefechte führen – über Religion und Philosophie.

Langweilig

Letzteres ist streckenweise so abstrakt und metapherngeladen, dass nicht nur der Hauptcharakter Hans den Streitereien seiner pädagogischen Nebenfiguren kaum noch folgen kann, sondern auch der Leser. Aber durch den häufigen Wechsel der Themen gelingt es Mann immer wieder die Spannung zu heben.

Es sind auch weniger die hoch philosophischen Betrachtungen, die einen weiterlesen lassen, sondern die Szenen der menschlichen Begegnung, die Mann geschickt einzuschieben weiß. Seine sehr feinsinnigen zwischenmenschlichen Beobachtungen von Verliebten und Todgeweihten, Schamhaften und Schamlosen lassen es niemals richtig langweilig werden.

Leider sind einige dieser abgeschlossenen Seitengeschichten kaum mit der Hauptgeschichte verwoben, interessante Begebenheiten werden nicht wieder aufgegriffen und sogar Teilaspekte der Hauptgeschichte werden nicht richtig zu Ende geführt.

  • So verschwindet Hans Castorps Angebetete ohne Erklärung aus der Geschichte, nachdem er Jahre lang auf sie gewartet hat und der Mann, der einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stand, verstorben ist.
  • Hans Castorp findet die zentrale Aussage des Buches in einer abgeschlossenen Nebengeschichte und vergisst diese Quintessenz[*] noch in der selben Nacht.
  • Karen Karstedt, eine Bekannte von Hans, um die er sich einige Zeit rührend kümmert, wird für hundert Seiten nicht mehr erwähnt und dann in einem Nebensatz beiläufig unter die Erde befördert.

Möglicherweise sollen diese ins Nichts führenden Enden zur Rätselhaftigkeit des Werkes beitragen. Oder sie sollen aufzeigen, wohin alle menschliche Lebenszeit letztlich führt: ins Nichtsein. Ein Zustand, der uns unergründlich bleiben wird, solange wir existieren. Womit wir beim dritten vom Autor selbst gewählten Schlagwort wären.

Hermetisch

Hermetisch ist ein Adjektiv bzw. Adverb mit der Bedeutung „luftdicht“, „undurchdringlich“. Es wird gebraucht für … okkulte, verschlossene, schwer zugängliche Lehren … [2]

Das trifft es. Dieses Buch ist genau das: schwer zugänglich.

Thomas Mann gibt sich keine Mühe ein Volksautor zu sein. Man gewinnt eher den Eindruck, dass er sich für den einfachen Menschen gar nicht verständlich machen will, sich nicht mit ihm gemeinmachen will. So stellt er sich in seiner wuchtigen Sprache aufs Podest und redet von oben herab zur Leserschaft.

Er nutzt sämtliche komplizierten Satzkonstruktionen, die seine Muttersprache zulässt. Dabei scheint das Augenmerk nicht auf Verständlichkeit und Lesefluss zu liegen, als viel mehr auf einem gleichbleibend hohen Anspruch. Sodass der „Genuss“ dieses Werkes eher einem geistigen Work-out gleicht.

In dieser Art gelingt es Thomas Mann sehr gut auch inhaltlich schwache Passagen rätselhaft auszustaffieren, um die gewünschte intellektuelle Höhe zu halten.

Ohne breite Vorbildung in Abendländischer Philosophie, Latein und Französisch stellt sich beim Lesen schnell das Gefühl ein, absichtlich ausgeschlossen zu werden. Die Unzugänglichkeit des Gesagten wird noch durch die Verwendung von okkulten Metaphern verstärkt.

Ein großer Bluff

Doch die verschraubten Sätze lassen mehr Hintergründigkeit und Tiefsinn vermuten, als sie tatsächlich tragen. Erarbeitet man sich aber das nötige Fundament zum Verständnis von Thomas Manns hermetischem Werk, so ist man enttäuscht. Da ist viel wuchtige Verpackung mit wenig darin. Ganz im Stile der okkulten Geheimgesellschaften steht der Ritus im Vordergrund, doch verhelfen all die Mühen nicht zur Transzendenz. Die höhere Erkenntnis bleibt ein Versprechen, das nicht eingelöst wird.

Es gibt zwar durchaus anspruchsvolle Themen, zu denen Mann seinen Beitrag liefert. Aber das, was er wirklich zu sagen hat, ließe sich knapper ausdrücken.

Fazit

Es wäre dumm, Bücher auf gut oder schlecht herunterzubrechen. Man würde der komplexen Wirklichkeit in ihrer Vieldimensionalität damit nicht gerecht. Dennoch war Der Zauberberg eines der wenigen Bücher, bei denen ich mich gefreut habe, dass der Stapel der ungelesenen Seiten gen Ende hin immer dünner und dünner wurde. Ich bin davon überzeugt, dass man etwas Derartiges heute nicht mehr veröffentlichen würde. Das Alter des Buches kann auch als Rechtfertigung für ein überkommenes Frauenbild und die heute inakzeptable Vermischung von okkultem Spiritismus und Psychoanalyse dienen. Jedoch sollte man die heutige Relevanz des Werkes in Frage stellen.

Thomas Manns Erkenntnisse über die Zeit und die feinen Beobachtungen der Menschen sind durchaus lesenswert, nur rechtfertigen sie kaum die mühselige Arbeit durch eintausend Seiten hermetisches, also absichtlich unzugängliches Gedankengut.

Das Buch bleibt eine Empfehlung für Menschen mit Kampfgeist und einem sehr hohen intellektuellen Anspruch an sich selbst.

Zitate und Bezüge

[*] Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Castorps_Schneetraum)

[1] Thomas Mann – Der Zauberberg

[2] Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Hermetisch

Medienkonsum: Oscar Wilde – Bunbury

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Hörspiel zum Frühstück, Buch zur Mittagspause und noch zwei Krimis als Betthupferl.

Schon enorm, was man sich so in den Kopf stopft. Und selten nimmt man sich Zeit darüber nachzudenken, ehe man sich die nächste Geschichte reinzieht. Klar, manche Szenen wühlen einen auf und kommen noch einmal hoch. Doch das meiste geht einfach so durch.

Das ist schade. So ist man reiner Konsument, der nichts Produktives mit dem Aufgenommenen anfängt und sich nicht zum „Erlebten“ in Beziehung setzt. Dabei gäbe es einiges zu lernen aus Erzählungen, zum Beispiel über das Erzählen selbst.

Um meinen Blick auf Struktur und Stil von Erzählungen zu schärfen, möchte ich alles was ich konsumiere zumindest ein wenig anverdauen und in wenigen Worten reflektieren.

Oscar Wilde – Bunbury

Eine triviale Komödie für ernsthafte Leute

Der Originaltitel The importance of being Ernest gefällt mir besser.

Das leichte 90-seitige Heftchen von Reclam ist wirklich eine angenehme Auflockerung zum 1000-seitigen Der Zauberberg von Thomas Mann, an dem ich mich seit 3 Monaten abmühe. Das schmale Büchlein kann man auf einer längeren Zugfahrt weglesen. In seiner eleganten, pointierten Sprache ist es ein überaus vergnüglicher Reisebegleiter. Jede Zeile sprüht vor intelligentem Witz, der dank der hervorragenden Übersetzung von Rainer Kohlmayer auch im Deutschen funktioniert. Denn gerade in den Details und in der Sprache liegt der Reiz dieses Büchleins, während die Haupthandlung dieser Theaterkomödie kaum mehr zu bieten hat als eine Feierabendserie.

Die Sprache trägt die geistige Haltung des Autors und seiner Figuren, diese amüsierte Distanz zur Welt, die in Wahrheit nur Selbstschutz ist. Denn wie es Oscar Wilde so schön ausdrückt:

„Die Grundlage des Optimismus ist nichts anderes als das Entsetzen.“

Ganz sicher seine 3 Euro wert!