Ich bin nicht tot.
Mich überfordert nur das Leben mit drei Beinen.
Monatelang haben mich die zwei stärkeren meiner Beine durch die Welt getrieben. Vom Businesshotel im Speckgürtel von London zu den Nomadendörfern an den Berghängen Ostanatoliens, unweit der iranischen Grenze. Mein drittes Bein hat während der ganzen Zeit kaum einen Fuß auf den Boden bekommen, wurde immer wieder fortgeschleift, wenn es gerade zaghaft versuchte, seinen eigenen Weg zu gehen. Bis es mich heute schon ganz schwach und zögernd zu meinem geliebten Gartentisch trug, an dem ich so gerne schreibe.
Im Gegensatz zum Menschen ist es für Tische völlig normal drei Beine zu haben. Ein dreibeiniger Tisch wackelt nicht. Obwohl auch er schwer in Schräglage geraten kann, wenn ein Bein unmäßig viel kürzer ist als die anderen.
Für Menschen ist es eher ungewöhnlich auf mehr als zwei Beinen zu stehen. Tatsächlich haben die meisten nur ein einziges Standbein, weshalb sie sich bei einem Arbeitgeber anlehnen müssen. Der gibt dann die Richtung vor, in die unser unselbstständiger Einbeiner vorwärtshüpfen darf.
Im Gegensatz dazu gibt es uns Selbstständige. Um stehen zukönnen, ohne gleich bei der nächsten Erschütterung umzufallen, benötigen wir meist mehrere Standbeine. Wobei der Begriff irreführend ist, weil Stillstand für einen Selbstständigen kaum möglich ist. Mindestens ein Bein muss immer in Bewegung sein, um einen Sturz in die Beinfreiheit des Hartz-IV-Auffangnetzes zu vermeiden.
In der Koordination seiner vielzähligen Beine liegt das Hauptproblem des Selbstständigen.
Manch einer, der gemütlich im Rollstuhl der Unselbstständigkeit durch sein Leben geschoben wird, träumt von den Idealbedinungen eines selbstbestimmten Lebens: Zwei gleichlange Beine schreiten im regelmäßigem Wechsel dem selben Ziel entgegen.
In der Realität verselbstständigen sich meine drei Beine und laufen in unterschiedliche Richtungen davon: Eines steht zeitig auf, trägt Anzughosen, geht jeden Tag ins Büro und bringt Taschen voller Geld nach Hause. Mein zweites Bein ist stramm und muskelbepackt. Es liebt lange Wanderungen, besteigt 5000 Meter hohe Berge und kennt die Pfade in ferne Länder. Ließe ich es unentwegt laufen, könnte ich allein davon Leben, nur wäre ich dann niemals und nirgendwo zu Hause. Aber mein liebstes ist das Pfeifenraucherbein eines Schriftstellers. Auch wenn es oft nur unbeachtet ins Leere tritt, gelingt es ihm manchmal doch, den anderen beiden in die Quere zu kommen und sie aus der Bahn zu bringen. So werde ich dann in ein paar Wochen nicht nach London fahren, sondern in Leipzig zur künstlerischen Eignungsprüfung am Deutschen Literaturinstitut gehen. Ich hoffe, ich kann die Prüfungskommision durch gute Beinarbeit überzeugen.
Also, auch wenn der Blog mal eine Weile schweigt: Ich bin nicht tot. Mich überfordert nur das Leben mit drei Beinen.

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