Die Geräusche der Nacht: Zikaden zirpen und der Springbrunnen plätschert beruhigend. Trügerischer Frieden liegt über dem verwilderten Park, der sich romantisch um das Gartenhaus schmiegt. War da nicht ein leises Stöhnen?

Nervös blicke ich in alle Richtungen und schleiche vorsichtig weiter. Da wieder! Panisch fahre ich herum. Zu spät! Mit einem schaurigen Heulen stolpert er auf mich zu, seine Arme gierig nach mir ausgestreckt, die blinden Augen zum Himmel gerichtet. Ich bin wie erstarrt, sehe die faulige Haut in seinem Gesicht und entblößte Zähne, als er sich auf mich stürzt. Es riecht verbrannt.

Ich schlage um mich, versuche ihn abzuschütteln, doch er hat sich schon in meiner Schulter verbissen. Wütend hämmere ich auf ihn ein, bis er seinen Griff lockert und zu Boden rutscht.

Er liegt im Schlamm, umklammert mein Bein und versucht sich daran hoch zu ziehen. Ich hebe meinen freien Fuß. Nein, er wird nicht wieder aufstehen. Es knackt unter den schweren Polizeistiefeln, Hirnmasse spritzt gegen die Mattscheibe und läuft daran herunter. Der Brandgeruch verstärkt sich. Ich werfe den Controller zu Boden, springe vom Sofa und renne in die Küche. Die Pizza ist schwarz.


Hätte ich als Jugendlicher Mark Twains Ratschlag befolgt: „Schreib über das, was Du kennst.“, das wäre herausgekommen. Glücklicherweise nahm meine enge Beziehung zu Resident Evil und anderen Computerspielen soviel Zeit in Anspruch, dass die Welt damit verschont blieb.

Noch heute spielen Untote eine verstörende Rolle in meinem Leben. Sie infizieren meinen Blog und wanken unkontrolliert durch meine Kurzgeschichten. Stundenlang sitze ich wie ein Zombie vor meinem Monitor und nur das krampfhafte Zucken meiner Finger verrät, dass ich noch nicht ganz tot bin; auch wenn ich so rieche. Verschwitzt und immer voll auf Koffein, wie Grand Tourismo im Karrieremodus, nur heißt das Spiel Träume auf Papier.

Level #1: Mit dem Schreiben anfangen.

Manchmal scheitere ich schon am ersten Level. Andere Dinge erscheinen wichtiger: E-Mails beantworten, arbeiten gehen oder mit der Ehefrau reden. Sachen, die schon lange mal wieder gemacht werden müssten und die mir immer dann einfallen, wenn ich gerade etwas schreiben will. Der Endgegner, Internal Pigdog, ist echt ein harter Brocken.

Level #2-10: Mit dem Schreiben weiter machen.

In den nächsten Levels geht es darum, Beurteilungen und Kritik auszuhalten. Die Zwischengegner heißen: Mama, Ehefrau, bester Freund, usw. Hier gilt: Je schlechter die schauspielerischen Fähigkeiten der Kritiker, um so nützlicher aber auch schmerzhafter ist die Kritik. Man sollte sich aber gut überlegen, was man wem zum Lesen gibt, sonst steht zum Level-Ende ein Ex- oder ehemals vor der Beziehung.

Multiplayer – Deathmatch

Diese Levels kann man auch sehr hübsch im Mehrspielermodus bestreiten: In den Selbsthilfegruppen der anonymen Autoren. Jeder gegen jeden! Alle dürfen ehrlich sein. Jeder kann den Text der anderen brutal kaputt reden, ohne um die Harmonie auf der nächsten Familienfeier fürchten zu müssen.

Tricks und Cheats

Ich hatte versucht zu Cheaten, um einige Levels zu überspringen und mit einem Studium am Deutschen Literaturinstitut an allen vorbeizuziehen. Zuerst sah es gut aus: Ich wurde zum versteckten Bonuslevel Eignungsprüfung am DLL eingeladen. Doch ich war der Übermacht der Zwischengegner nicht gewachsen. Gleich drei Literaturdozenten versuchten gemeinsam, meinen von Träumen angetriebenen Papierflieger zum Absturz zu bringen. Es war eine rasante Verfolgungsjagd, doch ich fühlte mich gut dabei. Ich hatte das Gefühl alles im Griff zu haben, bis ich mit voller Wucht in einen Ablehnungsbrief krachte.

Vielleicht war es zu früh für dieses Level. Bevor ich es wieder versuche, werde ich noch ein wenig trainieren.

 

Level #11: Erste Veröffentlichung

Seit April 2014 gibt es meine erste Geschichte, in einem richtigen Buch, bei einem richtigen Verlag, im richtigen Buchhandel! Mein Kurzkrimi Amnesie schaffte es unter die besten 25 aus 600 Einsendungen für den Agatha-Christie-Krimipreis.

Heute hier morgen Mord

Erhältlich zum Beispiel bei Thalia.

Multiplayer – Cooperative Mode

Seit meinem Schreibkurs auf Hawaii verfolgte mich die Idee einer grafisch-literarischen Erzählform, die den Text als natürliches Element am Ort der Handlung einbettet. Ein Gespräch in einem Cafè könnte auf der Speisekarte serviert werden, ein Selbstmord auf dem Beipackzettel der Schlaftabletten. Chris Störmer erschuf den grafischen Rahmen für Splitter, die düstere Liebesgeschichte eines melancholischen Schriftstellers. Unsere gemeinschaftliche Verneigung vor dem Film Noire erschien (leicht gekürzt) in Die Novelle #2 – Zeitschrift für Experimentelles.

splitter

Level #X:

Die Herausforderungen der Zukunft liegen im Nebel verborgen, nur die nächste sehe ich verschwommen in den weißen Schwaden:

Bewaffnet mit nichts als einem Stück toten Baumes, übersät mit magischen Worten, werde ich mich dem Publikum stellen. Denn am 13.05.2014 macht die Dresdner St. Pauli Galerie die Bühne frei für junge Künstler.

Ich werde in diesem Spiel noch viele Erfahrungspunkte und Fertigkeiten sammeln müssen, ehe ich bereit bin für meinen finalen Kampf. Einem Roman. Doch den ersten Absatz habe ich schon. Schweigend betrachte ich die Worte, als es draußen im Flur leise stöhnt. Es riecht verbrannt. Meine Tür wird aufgerissen und jemand stolpert herein.

„Max! Die Pizza!“

Bluescreen – Das Spiel ist aus – für heute!

 

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