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Ich schneide ein Stück von meinem Leben ab.

Maßband (uschi dreiucker  / pixelio.de)

uschi dreiucker / pixelio.de

Der Schnipsel schwebt gemächlich zu Boden und landet auf dem kleinen Häufchen meiner Lebensabschnitte, das sich unter dem kurzen gelben Maßband gesammelt hat. Das Maßband habe ich zur Geburt geschenkt bekommen. Niemand kann genau sagen wie lang es ist. Aber statistisch gesehen müssten es etwa 77 Zentimeter sein. Von denen schneide ich jedes Jahr einen Zentimeter ab. Zweiunddreißig davon liegen nun schon unter der Stelle, wo ich das Band an die Wand genagelt habe, um mich daran zu erinnern, dass Zeit kostbar ist. So kostbar, dass man jeden Mikrometer intensiv nutzen müsste und ihn nicht verschwenden mit Erwerbsarbeit, die mir nur Kraft raubt. Kraft, die ich bräuchte, um endlich meinen Roman zu schreiben, der mir schon durch den Kopf ging, als das Band noch drei Zentimeter länger war. Aber das Geldverdienen war nötig und ich bin dem Ingenieur in mir zu Dank verpflichtet. Dafür, dass er die freie Zeit herausgearbeitet hat und ich nun stolzer Empfänger des Maximilian-Schwarz-Stipendiums für junge, ehrgeizige Literatur bin. Und ich hoffe, dass ich mich nun ganz auf das Schreiben konzentrieren kann und bereits das Buch in den Händen halte, wenn ich das nächste Mal die Schere in die Hand nehme, um diesen Lebensabschnitt zu beenden, weil mein Geld aufgebraucht ist.

Meine Freunde arbeiten für Häuser und eine Rente, die ich voraussichtlich nicht haben werde. Aber dafür werde ich schreiben bis der letzte gelbe Schnipsel zu Boden sinkt und der Schnitter die genaue Länge meines Maßbandes bekannt gibt.

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