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Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. 

So beginnt Wolfgang Herrndorfs Jugendroman »tschick«. Eine ungewöhnliche Kombination vertrauter Elemente zieht den Leser in die Geschichte hinein. Der sinnliche Eindruck der Gerüche erzeugt das Gefühl, mit geschlossenen Augen an einem Ort zu stehen, den man noch nicht kennt. Man öffnet vorsichtig die Augen und sieht die Kaffeemaschine. Dann spürt man das Blut im Schuh.
In nur zwei kurzen Sätzen werden schon drei Sinne angesprochen und der Leser liest weiter, denn er fragt sich: Wieso ist da Blut?
Und schon ist der Haken drin. Der arme Leser hängt an der Angel, und während er nach der Antwort sucht – im ersten Absatz, der ersten Seite, dem ersten Kapitel – tauchen immer mehr Fragen auf, die er nur beantwortet bekommt, wenn er weiterliest. Das tut er natürlich gern, denn das Buch ist intelligent, witzig und so luftig leicht geschrieben wie Hefekuchen.

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Die erste Fassung meines Roman-Exposés ist fertig, ich warte auf die Kommentare meiner Testleser und beschäftige mich mit der Frage:

Wie beginnt man einen Roman?

Blut ist ein starker Reiz, ein Zeichen von Gefahr. Wir wollen wissen, was passiert ist und ob der Held die Gefahrensituation überwindet. So eine Frage aufzuwerfen ist wichtig für einen guten Romananfang, aber es muss nicht immer um Leben und Tod gehen.

Nick Hornby beginnt seinen Roman »Juliet, Naked« mit den Worten:
They had flown from England to Minneapolis to look at a toilet. The simple truth of it struck Annie when they were actually inside it.
Schon dieser erste Satz zeigt Hornbys Witz und es bleibt die Frage: Wieso würde das jemand tun?

Dem toten Fuchs fehlte ein Eckzahn. Von dem Präparator bis in alle Ewigkeit zu einem hämischen Grinsen verdammt, legten die hochgezogenen Lefzen das fehlerhafte Gebiss in aller Schonungslosigkeit frei.
Dieses skurrile Bild erzeugt die passende Stimmung für Sarah Geraldine Nisis Kurzgeschichte »Bühne frei« und es hinterlässt einen mit der Frage: Warum fehlt dem Fuchs ein Zahn?

Was den Duft von Blut und Kaffee, Flugreisen zu Toiletten und schadhafte Tiergebisse vereint ist, dass sie Aufmerksamkeit wecken, indem sie einer gewöhnlichen Szene unerwartet eine neue Seite geben.
Kaffeegeruch ist uns vertraut und so alltäglich wie Flugreisen oder ausgestopfte Tiere. Es fällt leicht sich diese Dinge vorzustellen, doch sie allein wecken kein großes Interesse. Dafür bedarf es der Reibung mit einem ungewohnten Element.

Hier nun mein erster Entwurf eines Anfangs:

Die Stimme aus dem Fernseher dringt gedämpft zu mir ins Badezimmer – sie berichten über meinen Tod. Kleine Blutstropfen fallen aufs Porzellan und laufen in hässlichen Schlieren zum Ausguss. Eigentlich nicht überraschend. Wenn man zuviel kokst, versaut man sich irgendwann die Schleimhäute.

Wie findest Du das? Und wie beginnt Dein Lieblingsroman?

 

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