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Ihr habt versagt, als Chef bei meiner Selbstverwirklichung. Aber wie hättet Ihr auch jemals erfolgreich sein können? Ziemliche Selbstverarschung meinerseits. Was stört Euch denn mein Mangel an Selbstdisziplin? Keiner ermahnt mich, wenn ich stundenlang im Internet lese und guckt kritisch, wenn ich mir den dritten Kaffee koche. Niemand weist mich wütend zurecht, wenn ich die Flusen vom Teppich sammle oder Vogelhäuser baue, statt zu schreiben.

Vogelhaus
Ich erkannte meine Selbsttäuschung, als ich eines Abends über das frisch geklebte Vogelhaus auf meinem flusenfreien Teppich stolperte und dabei den gerade gebrühten Kaffee auf dem Laptop vergoss, der noch immer die Frisuren bekannter Popstars zeigte.
Der größte Nachteil einer selbstständigen Tätigkeit ist, dass man sich selbst ständig kontrollieren und disziplinieren muss. Unangenehme Aufgaben, die sonst Chefs übernehmen, die dafür aber meist großzügig entlohnt werden wollen. Kein Wunder, wenn man bedenkt wie wenig Spaß schon  Selbstdisziplin und Selbstkontrolle machen. Dann noch die Verantwortung für den Müßiggang anderer Leute übergeholfen zu bekommen. Na schönen Dank!
So ein Chef ist schon was Tolles. Nur leider kann ich mir keinen leisten. Ist mir einfach zu teuer und Ihr wolltet die Aufgabe ja nicht für lau machen. Was ich verstehen kann. Also musste ich eben selbst ran.
Um meiner neuen Verantwortung gerecht zu werden, habe ich mich gleich mal zur Seite genommen, als ich mich zufällig im Badezimmer traf.
Ich war natürlich gar nicht vorbereitet auf den Chef, denn ich wollte nur mal eben die Kaffeeflecken aus meinem Hemd waschen. Dann steh ich da so verlottert und soll mich rechtfertigen, wieso es mit dem Buch nicht voran geht. Mann, ich wusste gar nicht, dass ich so streng gucken kann.
Zum Glück ging das noch mal glimpflich aus.
Ich bin bloß versetzt worden und habe jetzt geregelte Arbeitszeiten. Kaffee gibt es nur noch in den Pausen und zwar drüben in der Cafeteria. Aber sonst ist es ganz cool so zwischen all den Studenten im Lesesaal der Uni-Bibliothek. Ich falle gar nicht auf inmitten der gesenkten Köpfe, über denen dünne, fast unsichtbare Rauchsäulen aufsteigen. Leise gleiten und klappern die Finger über die Tastatur und mit jedem Wort kehrt ein Stück Selbstrespekt zurück.

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