Ich bin voll in die Hormonfalle getappt. Und nun sind alle wichtigen Figuren meiner Geschichte Männer, die sich an die Brust werfen und rumaffen wie die niedrigsten Primaten, um sich gegenseitig zu beweisen, wer hier das Alphatier ist. Frauen gibt es zwar, aber die stehen bedeutungslos am Rande und schütteln verwirrt ihre Köpfe, denn sie haben keine Erinnerungen, keine Vorgeschichte, nicht einmal eine Charakterzeichnung, die über die Hauptfigur eines Blondinnenwitzes hinausgehen würde.
Zu dieser maskulinen Verzerrung der Wirklichkeit neigt offenbar ein großer Teil der Autorenschaft. Sonst gäbe es den Bechdel-Test nicht. (http://en.wikipedia.org/wiki/Bechdel_test)
Er prüft, ob Frauen in einer Geschichte tatsächlich eine substanzielle Rolle spielen oder nur schmückendes Beiwerk sind.
Den Test bestehen nur Bücher oder Filme,

  • in denen mindestens zwei Frauen vorkommen,
  • die miteinander sprechen
  • und zwar über etwas anderes, als einen Mann.

Erstaunlicherweise fallen fast 50% unserer Medien durch.
Sicher, wenn Sandra Bullock als einzige Frau im Film, alleine im Weltall herumtreibt, kann man dem Autor wohl kaum Sexismus vorwerfen. Aber beim Herr der Ringe, gibt es in keinem der drei Filme auch nur ein Gespräch zwischen zwei Frauen. Dabei haben die Drehbuchautoren Arwen Abendstern sogar noch kräftig aufgeplustert im Vergleich zum tolkinschen Original, denn ein bisschen Liebe muss schon sein in Hollywood. Aber über ihre Funktion als Geliebte kommt Liv Tyler eben nicht hinaus.
Was in Tolkins epischer Fantasiewelt gerade noch funktioniert, geht in meiner Geschichte voll gegen den Laternenpfahl. Denn mein Held zieht nicht in den Krieg gegen DAS BÖSE und muss deshalb Weib und Tochter, Mutter und Großmutter, Tante und Cousine, Schwester und Freundin zurücklassen. Nein er lebt als Einzelkind, in einer Welt von Männern und Barbiepuppen, die außen lächeln und innen hohl sind.

Laut knirschten meine Zähne in der Stille des Lesesaals, doch es nützt alles nichts. Der Bösewicht meiner Geschichte muss sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, ob er will oder nicht. Und alle anderen Frauen müssen dringend ihr Abitur nachmachen und sich ein spannendes Hobby suchen, vorher brauchen die gar nicht wieder auftauchen!
Unterdessen bleibt mir nichts anderes übrig, als die ersten 55 Seiten meiner Geschichte noch einmal durchzugehen und damit zufrieden zu sein, dass es so ein besseres Buch wird.

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