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Hermetisch: Thomas Mann – Der Zauberberg

Handlungsabriss

Hans Castorp steht kurz davor, eine Laufbahn als Ingenieur zu beginnen. Nur ein dreiwöchiger Krankenbesuch bei seinem Vetter trennt ihn noch vom Eintritt ins Arbeitsleben. Doch wie es scheint, ist Hans selbst kränker als angenommen. Man empfiehlt ihm, seinen Aufenthalt im Schweizer Bergsanatorium zu verlängern. Was er zunächst zögerlich, dann mit immer größerem Wohlgefallen tut. Hans verliert zunehmend die Anbindung ans heimatliche Flachland. Bis es ihm ganz natürlich scheint, das Sanatorium seine Heimat zu nennen. Erst nach sieben Jahren gelingt es ihm, die Anstalt zu verlassen.

Es fällt schwer, sich zu einem Urteil über Thomas Manns gewaltiges Werk durchzuringen. Denn es hat mich mehr als nur einmal verärgert, trotz seiner brillanten Seiten.

Der Autor bringt es im Schlusswort auf den Punkt:

Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. [1]

Kurzweilig

Nein, kurzweilig im Sinne kurzweiliger Unterhaltung ist dieses Buch sicher nicht. Auch die Zeit, die es in Anspruch nimmt, dieses umfangreiche Werk durchzuarbeiten – ja arbeiten! – ist alles andere als kurz. Vier Monate hat es gedauert, mich durch die fast eintausend eng bedruckten Seiten zu kämpfen!

Der Zauberberg ist ein Buch über die Zeit, für das man sich Zeit nehmen muss. Denn es ist ein vielseitiges Buch im doppelten Sinne. Neben dem Hauptthema der Zeit betrachtet Thomas Mann Themen wie die Liebe, den Tod und okkulte Rituale, er referiert sehr plastisch und feingliedrig über die Entstehung des Lebens, und lässt seine Figuren rhetorische Gefechte führen – über Religion und Philosophie.

Langweilig

Letzteres ist streckenweise so abstrakt und metapherngeladen, dass nicht nur der Hauptcharakter Hans den Streitereien seiner pädagogischen Nebenfiguren kaum noch folgen kann, sondern auch der Leser. Aber durch den häufigen Wechsel der Themen gelingt es Mann immer wieder die Spannung zu heben.

Es sind auch weniger die hoch philosophischen Betrachtungen, die einen weiterlesen lassen, sondern die Szenen der menschlichen Begegnung, die Mann geschickt einzuschieben weiß. Seine sehr feinsinnigen zwischenmenschlichen Beobachtungen von Verliebten und Todgeweihten, Schamhaften und Schamlosen lassen es niemals richtig langweilig werden.

Leider sind einige dieser abgeschlossenen Seitengeschichten kaum mit der Hauptgeschichte verwoben, interessante Begebenheiten werden nicht wieder aufgegriffen und sogar Teilaspekte der Hauptgeschichte werden nicht richtig zu Ende geführt.

  • So verschwindet Hans Castorps Angebetete ohne Erklärung aus der Geschichte, nachdem er Jahre lang auf sie gewartet hat und der Mann, der einer Beziehung zwischen den beiden im Wege stand, verstorben ist.
  • Hans Castorp findet die zentrale Aussage des Buches in einer abgeschlossenen Nebengeschichte und vergisst diese Quintessenz[*] noch in der selben Nacht.
  • Karen Karstedt, eine Bekannte von Hans, um die er sich einige Zeit rührend kümmert, wird für hundert Seiten nicht mehr erwähnt und dann in einem Nebensatz beiläufig unter die Erde befördert.

Möglicherweise sollen diese ins Nichts führenden Enden zur Rätselhaftigkeit des Werkes beitragen. Oder sie sollen aufzeigen, wohin alle menschliche Lebenszeit letztlich führt: ins Nichtsein. Ein Zustand, der uns unergründlich bleiben wird, solange wir existieren. Womit wir beim dritten vom Autor selbst gewählten Schlagwort wären.

Hermetisch

Hermetisch ist ein Adjektiv bzw. Adverb mit der Bedeutung „luftdicht“, „undurchdringlich“. Es wird gebraucht für … okkulte, verschlossene, schwer zugängliche Lehren … [2]

Das trifft es. Dieses Buch ist genau das: schwer zugänglich.

Thomas Mann gibt sich keine Mühe ein Volksautor zu sein. Man gewinnt eher den Eindruck, dass er sich für den einfachen Menschen gar nicht verständlich machen will, sich nicht mit ihm gemeinmachen will. So stellt er sich in seiner wuchtigen Sprache aufs Podest und redet von oben herab zur Leserschaft.

Er nutzt sämtliche komplizierten Satzkonstruktionen, die seine Muttersprache zulässt. Dabei scheint das Augenmerk nicht auf Verständlichkeit und Lesefluss zu liegen, als viel mehr auf einem gleichbleibend hohen Anspruch. Sodass der „Genuss“ dieses Werkes eher einem geistigen Work-out gleicht.

In dieser Art gelingt es Thomas Mann sehr gut auch inhaltlich schwache Passagen rätselhaft auszustaffieren, um die gewünschte intellektuelle Höhe zu halten.

Ohne breite Vorbildung in Abendländischer Philosophie, Latein und Französisch stellt sich beim Lesen schnell das Gefühl ein, absichtlich ausgeschlossen zu werden. Die Unzugänglichkeit des Gesagten wird noch durch die Verwendung von okkulten Metaphern verstärkt.

Ein großer Bluff

Doch die verschraubten Sätze lassen mehr Hintergründigkeit und Tiefsinn vermuten, als sie tatsächlich tragen. Erarbeitet man sich aber das nötige Fundament zum Verständnis von Thomas Manns hermetischem Werk, so ist man enttäuscht. Da ist viel wuchtige Verpackung mit wenig darin. Ganz im Stile der okkulten Geheimgesellschaften steht der Ritus im Vordergrund, doch verhelfen all die Mühen nicht zur Transzendenz. Die höhere Erkenntnis bleibt ein Versprechen, das nicht eingelöst wird.

Es gibt zwar durchaus anspruchsvolle Themen, zu denen Mann seinen Beitrag liefert. Aber das, was er wirklich zu sagen hat, ließe sich knapper ausdrücken.

Fazit

Es wäre dumm, Bücher auf gut oder schlecht herunterzubrechen. Man würde der komplexen Wirklichkeit in ihrer Vieldimensionalität damit nicht gerecht. Dennoch war Der Zauberberg eines der wenigen Bücher, bei denen ich mich gefreut habe, dass der Stapel der ungelesenen Seiten gen Ende hin immer dünner und dünner wurde. Ich bin davon überzeugt, dass man etwas Derartiges heute nicht mehr veröffentlichen würde. Das Alter des Buches kann auch als Rechtfertigung für ein überkommenes Frauenbild und die heute inakzeptable Vermischung von okkultem Spiritismus und Psychoanalyse dienen. Jedoch sollte man die heutige Relevanz des Werkes in Frage stellen.

Thomas Manns Erkenntnisse über die Zeit und die feinen Beobachtungen der Menschen sind durchaus lesenswert, nur rechtfertigen sie kaum die mühselige Arbeit durch eintausend Seiten hermetisches, also absichtlich unzugängliches Gedankengut.

Das Buch bleibt eine Empfehlung für Menschen mit Kampfgeist und einem sehr hohen intellektuellen Anspruch an sich selbst.

Zitate und Bezüge

[*] Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Castorps_Schneetraum)

[1] Thomas Mann – Der Zauberberg

[2] Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Hermetisch

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