Salingers einziger Roman ist ein Meisterwerk. Der Fänger im Roggen liest sich nicht nur wunderbar flüssig, er ist auch authentisch, ehrlich und wahr. Und gerade wegen seiner Wahrheit hat dieses Buch selbst nach 70 Jahren nichts an Aktualität verloren. Ließe man Mode und Technik einmal außen vor, dann könnte sich diese Geschichte gerade letzten Winter abgespielt haben.

Holden Caulfield, Salingers ich-Erzähler, haut aus dem Internat ab, weil er es dort nicht länger erträgt. Es sind ohnehin nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Ferien und es steht jetzt schon fest, dass Holden von der Schule fliegt.

Dabei ist Holden weder dumm noch faul, er ist einfach nur ehrlich desinteressiert an dem Stoff, den man ihm eintrichtern will. Er ist nicht bereit sich für seine Lehrer zu verstellen, denn Unaufrichtigkeit widert ihn an. Eher würde er bis ans Ende der Welt fliehen als in dem verlogenen Gewirr des menschlichen Miteinanders mitzuspielen.
Auf seiner verzweifelten, oft orientierungslosen Suche nach der einen Sache, für die es sich zu Leben lohnt, träumt Holden von der unbeschwerten Kindheit. Doch der Weg zurück ist ihm – wie allen Menschen – verbaut.
Ein zentraler Satz im Buch fasst Holdens Wandlung zusammen. Er ist nicht vom Autor selbst, sondern von einem Psychoanalytiker namens Wilhelm Stekel:

Der unreife Mensch kennzeichnet sich dadurch aus, dass er edel für eine Sache sterben will, der reife dadurch, dass er bescheiden für eine leben will.

Um das zu verstehen muss Holden aber erst einmal selbst herausfinden, dass es jemanden gibt, der ihm so wichtig ist, dass er bereit wäre die Verlogenheit der Gesellschaft zu ertragen, um diesem Menschen nahe zu sein zu können.
Salinger schreibt mit liebevollem Blick über Holdens Fluchtversuche vor dem Erwachsenwerden, sein Herumirren bis er schließlich versteht, was er im Leben wirklich liebt. Es scheint als wäre der Autor selbst der Fänger im Roggen, der die unbeschwert herumtollenden Kinder auffangen will bevor sie in den Abgrund des Erwachsenenlebens fallen. Er ist der Lehrer, der seine eigenen Erfahrungen über das Erwachsenwerden weiter gibt.
Salinger ist glaubwürdig, auch dann wenn er schreibt, er würde Kunst lieber im Stillen, nur für sich selbst machen, als sie vor der ignoranten Öffentlichkeit auszubreiten. Denn genau das hat er getan, sobald er es sich leisten konnte.
Welch ein Verlust für uns Leser!

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