[Ausnahmsweise mal etwas Politisches.]

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Wir betreiben Häuserkampf in Dresden Laubegast.

Der Schauplatz des Konflikts: Eine Pinnwand im Hausflur.

Ein Flugblatt ruft zum Aufmarsch vor dem zukünftigen Flüchtlingsheim Hotel Prinz Eugen. Es verschwindet nach kurzer Zeit spurlos.

Stattdessen hängt da eine Broschüre von Laubegast ist bunt, die aber schon beim nächsten verlassen des Hauses zerknickt hinter eine Ecke des Bords gesteckt ist. Nachdem ich sie wieder gut lesbar an die Wand pinne verschwindet sie ganz.

Am Morgen, dem Morgen nach den Pariser Anschlägen hängt da ein Peacezeichen, das mit dem zusätzlichen Querbalken entfernt an den Eifelturm erinnert. Darunter ist zeichnerisch ungeschickt eine Explosion angedeutet, die das Wort Frankreich umschließt. Da steht auch Deutschland und Wann??

Es folgen Sätze wie: Denkt mal 10 – 15 Jahre weiter. Wenn die Islamen ihre Religion uns aufzwingen. Diese werden den Teufel tun sich zu integrieren. Tausende sind schon da und es kommen immer mehr.

Der Autor ist Herr F., ein höflicher älterer Herr – die gute Seele des Hauses. Er schreibt, wir sollen den Brief nicht gleich wieder abnehmen, sondern mit ihm darüber reden und vor allem sollen wir mal nachdenken.

Das habe ich getan und ihm eine Antwort geschrieben:

Sehr geehrter Herr F.,

zunächst möchte ich Ihnen meinen Respekt dazu aussprechen, dass Sie sich namentlich zu Ihrer Position bekannt haben und den Dialog suchen.

Wie Sie es in ihrem Text darstellen sind muslimische

? Flüchtlinge = Feinde ?

die hier Terroranschläge verüben und auf lange Sicht unsere Gesellschaft vernichten wollen. Diese Ansicht halte ich für falsch. Zunächst einmal sind alle

! Flüchtlinge = Menschen !

und haben daher ein Recht auf Asyl, gemäß Artikel 14 der Charta der Menschenrechte. Diese Liste der Grundrechte aller Menschen wurde 1948 infolge der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs aufgesetzt. Zum Beispiel, um zu verhindern, dass noch einmal so etwas passiert wie in der Schweiz, die jüdische Flüchtige wegen des massiven Zustroms nicht mehr aufnehmen wollte und sie zurück nach Deutschland und damit in den Tod schickte.

Auch damals gab es eine Ungleichverteilung der Flüchtlinge, weil viele Länder nicht bereit waren ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist traurig, dass sich so etwas heute wiederholt. Aber das ist nicht Schuld der Flüchtlinge, sondern die nationalistischer Politiker in unseren europäischen Nachbarstaaten.

Wirklich schockiert hat mich Ihre Behauptung, die Muslime würden uns in 15 Jahren ihre Religion aufzwingen. Das ist kein Diskussionsargument, sondern eine Angst. Und ich glaube Ihre Angst kommt zum großen Teil daher, dass Sie die Begriffe Moslem und Islamist vermischen. Sie bedeuten aber nicht das Gleiche. Ein Moslem ist ein normaler Religionsangehöriger des Islam und damit kein bisschen gefährlicher als ein Christ, Buddhist oder Hinduist. Ein Islamist hingegen ist ein Mensch der sich kompromisslos für die Verbreitung des Islam in seiner extremsten Auslegungsform einsetzt, das heißt zur Not auch mit Waffengewalt. Die Soldaten der al qaida, die ISIS-Truppen und die Terroristen in Paris, das sind Islamisten. Die Syrischen Flüchtlinge hingegen sind zum großen Teil friedliche Muslime und Jesiden auf der Flucht vor den Islamisten.

Ich persönlich kenne einige Muslime durch meine Reiseleitertätigkeit in Ostanatolien. Die Kurden dort sind äußerst freundliche, lebensfrohe Menschen, die ihre Religion genauso locker leben wie bei uns das Christentum gelebt wird. Alkohol und Frauen ohne Kopftuch sind da kein Problem. Und doch sind sie anders, in mancher Hinsicht auch rückständiger als wir, was zum Beispiel die Frauenrechte angeht. Aber genau hier liegt auch die Chance einer Völkerbegegnung in Deutschland. Durch gutes Vorbild könnten wir zum Beispiel den syrischen Frauen die Kraft geben, sich ebenfalls zu emanzipieren.

Dafür braucht es aber eine tatsächliche Integration, was heißt, dass man sich normal begegnet und miteinander spricht. Damit das geht sind beide Seiten gefordert. Zum einen müssen wir genügend Deutschkurse anbieten und ich erwarte, dass unsere Gäste diese auch nutzen. Zum anderen ist es wichtig, dass sich die Neuankömmlinge nicht ausgegrenzt fühlen, damit sie Mut haben, uns kennen zu lernen und sich nicht in den Kreis ihrer Mitflüchtlinge zurückziehen.

Ob man einem Fremden mit grimmigem Gesicht oder einem Lächeln entgegentritt, hat großen Einfluss auf seine Gegenreaktion. Leider wird es Ihre Angst Ihnen nicht leicht machen zu lächeln. Und wenn sich vorm Asylbewerberheim nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich eine stumme Menge sammelt, dann ist das schon gruselig, dann haben die Fremden auch Angst, so wie Sie. Entsprechend reserviert werden sie Ihnen auch begegnen. Denn keiner hat es gern, wenn er spürt, dass er nicht willkommen ist, weil man ihm insgeheim unterstellt, er sei ein Schmarotzer oder gar ein Terrorist.

Es stimmt, mindestens einer der Terroristen, die diese widerlichen Angriffe in Paris geführt haben ist getarnt als Flüchtling ins Land gekommen. Sie sollten aber bedenken, dass wir zwar das Risiko eingehen versehentlich 10 Terroristen ins Land zu lassen, dafür können wir aber 1 Mio. Menschen das Leben retten. Und es sagt Ihnen keiner, dass diese Angriffe nicht trotzdem ausgeführt worden wären, wenn man keine Flüchtlinge aufgenommen hätte, denn die meisten der Attentäter waren Franzosen und Belgier. Frankreich befindet sich im Krieg mit dem Islamischen Staat. Die Französische Luftwaffe beschießt Stellungen des IS, dafür attackiert der IS die französische Bevölkerung. Die rund 250 Verletzten und inzwischen 132 Toten machen Angst und das ist vielleicht der größte Schaden, den der IS dort angerichtet hat, denn diese Angst könnte hunderttausenden das Leben kosten.

Wie Sie sehen, beschäftige ich mich durchaus mit der Flüchtlingsthematik und denke intensiv darüber nach. Meine Gedanken zu diesem Thema sind noch lange nicht erschöpft, nur die Kraft darüber zu schreiben. Wir können gerne einmal darüber reden, zum Beispiel bei einem Bier im Gerücht.

Ich hoffe, dass Sie auch diesen Brief hängen lassen, denn ich habe keinen einzigen Ihrer Zettel entfernt.

Hochachtungsvoll

Maximilian Schwarz

 

 

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