Einer der Texte, die ich zur Finallesung der Dresdner Miniaturen vorgetragen habe:

Das kurze Zögern

Sein Anblick stört die Reinheit der Asphaltwüste. Schamlos ekle ich mich vor seinem fettigen Vollbart, dem braun bespritzten Sweatshirt und den zu kurzen Jeans. Der Bus hat Verspätung. Flimmernd steht die Luft über der schwarzen Teerfläche und ich kann nichts tun, als ihn anzusehen. Er starrt zurück, doch ich bin unantastbar.

Ich stehe neben der Welt. Isoliert von einem Schutzschild, das meine Kopfhörer erschaffen, verfolge ich sein träges Näherkommen bis ich die roten Äderchen in seinem verschorften Gesicht sehen kann. Nur das Kraftfeld trennt uns.

Sein Blick spricht und ich hebe eine Hörmuschel, damit ich ihn verstehe.

Hätten Sie etwas Kleingeld für einen freien Menschen?

Wir sehen uns in die Augen. Er weiß, dass ich ihn verstanden habe, doch sein Blick tastet unsicher über mein Gesicht und versucht die Antwort zu erraten, bevor ich sie selbst kenne. Ich überlege, ob es in diesem Land nötig ist zu betteln. Vielleicht nein, weil man auf jedem Hartz-IV-Amt genügend Geld für Wohnung und Essen bekommt? Vielleicht ja, um frei zu sein von Menschen, die über einen bestimmen? Die festlegen, wann und wo man zu sein hat. Was man zu sein hat!

Gedanken gleiten schwerfällig durch mein Hirn und die Zeit scheint sich in der Hitze auszudehnen, sich zu verflüssigen, wie auf einem Bild von Salvador Dalí.

Der Kopfhörer gleitet zwischen den schwitzigen Fingern hindurch und schnappt zurück aufs Ohr. Die schützende Sphäre schließt sich wieder um mich.

Ein Zucken seines Nackens, die erste Mikrobewegung seines Abwendens lässt meine Hand zur Hosentasche gleiten. Gerade als er resigniert einsieht, dass er nichts bekommen wird und vor Enttäuschung müde die Augen abwendet, schließen sich meine Finger um einige schwere warme Münzen. Ich grabe mich tiefer in die Tasche, bis er es bemerkt und zögernd stehen bleibt, um zu beobachten, wie sich meine Hand aus dem engen Jeansstoff windet.

Meine Faust öffnet sich und das blitzende Kupfer lockt ihn zurück, aber mir ist es peinlich. Meine Mutter hätte nie erlaubt, einem Straßenmusiker soviel beleidigendes rotes Metall in den Gitarrenkasten zu werfen. Ein Stück Silber ist Anerkennung, eine Handvoll Buntmetall ist Verachtung. Doch ich habe nichts Anderes für ihn. Das muss entwürdigend sein. Aber wahrscheinlich ist Entwürdigung der wahre Preis für die Freiheit. Wenn Du niemandem dienst, dann ist auch keiner da, der Dir die Würde zuspricht. Unantastbar ist sie nur in dir selbst.

Ich streiche mit dem Finger über die Münzen und lege ein Zweieurostück frei. Meine Bewegung stockt. Am liebsten würde ich die schöne große Münze herausnehmen und sie zurück in meine Tasche stecken, aber er hat sie schon gesehen und ich muss wieder an meine Mutter denken. Er streckt mir seine Hand entgegen, sie begegnet meiner fast und hält doch einen winzigen Abstand. Wir inszenieren eine spiegelverkehrte Kopie von Michelangelos Bild in der Sixtinischen Kapelle. Das, in dem Gott Adam die Hand entgegenstreckt, um ihm das Leben zu schenken. Nur sind unsere Handflächen nach oben gerichtet. Eine wichtige Korrektur des Motivs, denn meine Gaben laufen Gefahr, herunterzufallen und im weichen Asphalt festgetreten zu werden. Vielleicht hätte Gott den Funken des Lebens auch lieber behalten, als ihn zu verschenken. Dann stünden wir jetzt beide nicht hier. Die Erkenntnis trifft mich, obwohl ich mir des religiösen Unfugs und meiner Selbstüberhöhung bewusst bin. Aber ich schaffe es nicht, meine Hand zurückzuziehen.

Sie hat die Sphäre meines Kraftfelds verlassen und begegnet nun seinen knochigen Fingern. Die Münzen fallen und durchdringen sein Schutzschild, diesen Kokon aus Schweiß und Dreck, der ihn von der Welt isoliert.

Schutzlos spricht der Dank aus seinen Augen.

Der Bus kommt.

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