Geheime Ängste

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Ich habe lange nichts geschreiben, weil ich etwas geheim halte – aus Angst, dass es schief gehen könnte.

Denn es ist schon einmal schief gegangen und dies ist mein letzter Versuch, meine letzte Gelegenheit auf einen Studienplatz am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Man darf sich nur zwei Mal bewerben und von 600 Bewerbern werden 30 genommen. Eine Chance von 5 %.

Wenn es nicht klappt, dann haben einige Leute, die wirklich etwas von Literatur verstehen, gesagt, dass ich nicht gut genug schreibe, oder zumindest nicht künstlerisch genug, um in ihren erlauchten Kreis aufgenommen zu werden.

Am 30. April ist Einsendeschluss für meine Bewerbungsmappe und auf die werde ich mich jetzt wieder konzentrieren.

Ich hoffe auf Eure Daumen. Drückt, so fest es geht, und nicht nachlassen, auch wenn die Knöchel blau werden!

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Überschwemmung in Leipzig

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Die Welle spült über mich hinweg und droht mich zu ertränken. Ich treibe herum in der Bücherflut, zwischen lustigen Mangafiguren und oberlehrerhaften Literaten. Die Strömung trägt mich am Stand eines kleinen Verlages vorbei. Verzweifelt klammere ich mich an ein Korallenriff, das einem Regal voll bunter Bücher gleicht. Ich versinke im Text und tauche wieder auf. Funken spritzen und es riecht verbrannt, als wäre mein Sicherungskasten feucht geworden:

Man muss verrückt sein, diesem Ozean der Literatur auch nur einen Tropfen hinzufügen zu wollen.

Und doch ich werde es tun, und sei es nur ein verzweifelter Tropfen aus Schweiß und Tränen.

Testosteron-Tank

Ich bin voll in die Hormonfalle getappt. Und nun sind alle wichtigen Figuren meiner Geschichte Männer, die sich an die Brust werfen und rumaffen wie die niedrigsten Primaten, um sich gegenseitig zu beweisen, wer hier das Alphatier ist. Frauen gibt es zwar, aber die stehen bedeutungslos am Rande und schütteln verwirrt ihre Köpfe, denn sie haben keine Erinnerungen, keine Vorgeschichte, nicht einmal eine Charakterzeichnung, die über die Hauptfigur eines Blondinnenwitzes hinausgehen würde.
Zu dieser maskulinen Verzerrung der Wirklichkeit neigt offenbar ein großer Teil der Autorenschaft. Sonst gäbe es den Bechdel-Test nicht. (http://en.wikipedia.org/wiki/Bechdel_test)
Er prüft, ob Frauen in einer Geschichte tatsächlich eine substanzielle Rolle spielen oder nur schmückendes Beiwerk sind.
Den Test bestehen nur Bücher oder Filme,

  • in denen mindestens zwei Frauen vorkommen,
  • die miteinander sprechen
  • und zwar über etwas anderes, als einen Mann.

Erstaunlicherweise fallen fast 50% unserer Medien durch.
Sicher, wenn Sandra Bullock als einzige Frau im Film, alleine im Weltall herumtreibt, kann man dem Autor wohl kaum Sexismus vorwerfen. Aber beim Herr der Ringe, gibt es in keinem der drei Filme auch nur ein Gespräch zwischen zwei Frauen. Dabei haben die Drehbuchautoren Arwen Abendstern sogar noch kräftig aufgeplustert im Vergleich zum tolkinschen Original, denn ein bisschen Liebe muss schon sein in Hollywood. Aber über ihre Funktion als Geliebte kommt Liv Tyler eben nicht hinaus.
Was in Tolkins epischer Fantasiewelt gerade noch funktioniert, geht in meiner Geschichte voll gegen den Laternenpfahl. Denn mein Held zieht nicht in den Krieg gegen DAS BÖSE und muss deshalb Weib und Tochter, Mutter und Großmutter, Tante und Cousine, Schwester und Freundin zurücklassen. Nein er lebt als Einzelkind, in einer Welt von Männern und Barbiepuppen, die außen lächeln und innen hohl sind.

Laut knirschten meine Zähne in der Stille des Lesesaals, doch es nützt alles nichts. Der Bösewicht meiner Geschichte muss sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, ob er will oder nicht. Und alle anderen Frauen müssen dringend ihr Abitur nachmachen und sich ein spannendes Hobby suchen, vorher brauchen die gar nicht wieder auftauchen!
Unterdessen bleibt mir nichts anderes übrig, als die ersten 55 Seiten meiner Geschichte noch einmal durchzugehen und damit zufrieden zu sein, dass es so ein besseres Buch wird.

Drogen

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Mein Hauptcharakter ist drogenabhängig! Wie geht man mit so etwas um?

Wenn ich morgens gähnend meine Tasse Kaffee schlürfe, um in die Gänge zu kommen, pennt James Elliot noch, weil er abends zu viel Speed und Whisky konsumiert hat.

Wenn ich später noch ein Tässchen Espresso kippe, um mein Hirn zu stimulieren, schnupft James Kokain. Und um nach einem Tag harter Arbeit runter zu kommen, ploppt bei mir der Bierkorken und James genehmigt sich einen Joint; an hohen Feiertagen auch mal eine Prise Heroin.

Heroinflasche

Koks, Heroin, Speed und THC.

Hast Du das schon mal genommen? Woher willst dann Du wissen, wie sich das anfühlt?

Nun, man hat eine gewisse Lebenserfahrung. Manche Dinge bin ich allerdings froh, nicht mitgenommen zu haben.

Wieso ich mir trotzdem erlaube, über so einen Menschen zu schreiben?

Ganz einfach: Autoren sind die klügsten Menschen der Welt. Denn wir haben viel Zeit und Wikipedia. Die Menge an Hintergrundinformationen, die man dank Internet recherchieren kann, ist schier unglaublich. Alles, was es braucht, ist eine geschickte Synthese der eigenen Erfahrungen mit dem angelesenen Stoff.

Wie sich Entzug anfühlt, weiß ich, wenn ich mal ein Wochenende keinen Kaffee trinke.

Was eine Überdosis ist, wird sofort klar, wenn man mal fünf Tassen Kaffee hintereinander trinkt.

Man muss es nur ein bisschen übertreiben. Und falls meine Darstellung daneben liegt, wer würde das schon erkennen?

So kifft, kokst und snifft sich James fröhlich von Szene zu Szene. Schon über 50 Seiten.

Wenn’s so weiter läuft, knack ich die 60 nächste Woche!

Prüfungszeit

Als ich heute Morgen in die Bibliothek kam, waren alle Schließfächer besetzt. Hundertdreißig verschlossene Türen sagten: Hier ist kein Platz für Dich!
Ich hatte gerade Kaffee getrunken und daher keine Rechtfertigung mich in der Cafeteria herumzudrücken. Ratlos streifte ich durch die vertrauten Gänge meiner alten Uni und fragte mich, ob die Studenten erkennen, dass ich älter bin und ich nicht mehr hierher gehöre. Aber niemand schien sich an meiner Anwesenheit zu stören. Ermutigt kehrte ich in die Bibliothek zurück und fand eine offene Tür. Ein einziges freies Schließfach, zum Zeichen, dass ich hier doch willkommen bin.
Im Lesesaal war voll, aber es herrschte genau die Atmosphäre der Stille und Konzentration, die ich brauchte, um meine drei Normseiten zu schreiben.
Die Seiten 26 bis 28 von meinem Roman.

Vorsicht, Niedrigwasser!

  • Ich musste in den Urlaub, (nicht meine Schuld, wollte die Frau so),
  • ich musste Geld verdienen, (wollte das Arbeitsamt so),
  • und ich war krank, wegen Überarbeitung, (wollte der Chef so)!

Was würde ich nur machen, wenn es keine Ausreden mehr gäbe? Worüber würde ich schreiben, wenn ich nicht ständig davon schreiben würde, warum ich wieder einmal nicht zum Schreiben gekommen bin?

Ich sollte dringend aufhören, diesen Blog mit Ausreden zu füttern, denn er würgt schon daran, wie eine französische Stopfente.

Also gibt es zur Abwechslung mal ein paar konkrete Ansagen:

  • Das Buch soll einmal 250 Seiten haben (Normseiten, a 1800 Zeichen).
  • Aktueller Stand: 19 Normseiten
  • Ziel bis 31. März: 60 Normseiten

Ich werde den aktuellen Wasserstand jetzt jede Woche melden.

Auf dass das Becken schwillt und sich jede Schale voll mit Buchstabensuppe füllt!

Und Selbst?

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Ihr habt versagt, als Chef bei meiner Selbstverwirklichung. Aber wie hättet Ihr auch jemals erfolgreich sein können? Ziemliche Selbstverarschung meinerseits. Was stört Euch denn mein Mangel an Selbstdisziplin? Keiner ermahnt mich, wenn ich stundenlang im Internet lese und guckt kritisch, wenn ich mir den dritten Kaffee koche. Niemand weist mich wütend zurecht, wenn ich die Flusen vom Teppich sammle oder Vogelhäuser baue, statt zu schreiben.

Vogelhaus
Ich erkannte meine Selbsttäuschung, als ich eines Abends über das frisch geklebte Vogelhaus auf meinem flusenfreien Teppich stolperte und dabei den gerade gebrühten Kaffee auf dem Laptop vergoss, der noch immer die Frisuren bekannter Popstars zeigte.
Der größte Nachteil einer selbstständigen Tätigkeit ist, dass man sich selbst ständig kontrollieren und disziplinieren muss. Unangenehme Aufgaben, die sonst Chefs übernehmen, die dafür aber meist großzügig entlohnt werden wollen. Kein Wunder, wenn man bedenkt wie wenig Spaß schon  Selbstdisziplin und Selbstkontrolle machen. Dann noch die Verantwortung für den Müßiggang anderer Leute übergeholfen zu bekommen. Na schönen Dank!
So ein Chef ist schon was Tolles. Nur leider kann ich mir keinen leisten. Ist mir einfach zu teuer und Ihr wolltet die Aufgabe ja nicht für lau machen. Was ich verstehen kann. Also musste ich eben selbst ran.
Um meiner neuen Verantwortung gerecht zu werden, habe ich mich gleich mal zur Seite genommen, als ich mich zufällig im Badezimmer traf.
Ich war natürlich gar nicht vorbereitet auf den Chef, denn ich wollte nur mal eben die Kaffeeflecken aus meinem Hemd waschen. Dann steh ich da so verlottert und soll mich rechtfertigen, wieso es mit dem Buch nicht voran geht. Mann, ich wusste gar nicht, dass ich so streng gucken kann.
Zum Glück ging das noch mal glimpflich aus.
Ich bin bloß versetzt worden und habe jetzt geregelte Arbeitszeiten. Kaffee gibt es nur noch in den Pausen und zwar drüben in der Cafeteria. Aber sonst ist es ganz cool so zwischen all den Studenten im Lesesaal der Uni-Bibliothek. Ich falle gar nicht auf inmitten der gesenkten Köpfe, über denen dünne, fast unsichtbare Rauchsäulen aufsteigen. Leise gleiten und klappern die Finger über die Tastatur und mit jedem Wort kehrt ein Stück Selbstrespekt zurück.

Kalahariwind

Scotch in eisgekühlten Gläsern, auf der Veranda vorm Zelthaus. Der Blick über ein Meer aus verdorrtem Gras, auf dem verstreute Dornenbüsche herumtreiben bis zu den Strommasten am Horizont. Ich stille meinen Durst an der Landschaft, wie die Springböcke am Wasserloch vor mir. Sie trinken ohne Eile, bevor sie gemächlich in der Weite verschwinden oder reglos im Schatten kleiner Bäume verweilen. Es ist zu heiß für jede schnelle Bewegung.

Ich lehne mich zurück in das rostige Gestell mit den bequemen neuen Polstern und stelle mir vor ich wäre Hemingway. Die Elefantenflinte an den Sessel gelehnt, das Gefühl der großen Freiheit im Herzen und die Schreibmaschine auf dem Tisch, um davon zu erzählen. Erst der Abendwind kühlt meinen Kopf.

Die Sonne sinkt rot und die Dunkelheit entlässt die unzähligen Gefangenen des Tages. Ungesehene Kreaturen: Skorpione kommen aus ihren Löchern und Tausendfüßler winden sich über den Sand, riesige schwarze Käfer fliehen das Licht meiner Taschenlampe und entgrabbeln in die Nacht. Wolkenfetzen verhüllen unbekannte Sternbilder und das Licht der Kerze stirbt, noch bevor der Scotch ganz leergetrunken ist.
Der Nachtwind wirft sich gegen das Gebälk. Wild und rastlos reist er an den Stoffwänden, wie ein verzweifelter Einbrecher, der nicht die Tür zu öffnen vermag. Er tritt vor Wut dagegen und rüttelt an den Fenstern, damit ich vor Angst nicht zur Ruhe finde und gibt nicht auf, bevor ich vor Erschöpfung eingeschlafen bin.

Meine Liebste weckt mich in der Stille des Morgens. Die Sonne hebt sich hinter den roten Dünen und bleibt doch unsichtbar. Nur die Kanten einer Wolke schneidet sie scharf und in gleißendem orange aus dem blauen Himmel. Die einzigen Zeichen der Regenzeit bisher. Doch die Sonne wird sie fressen, noch vor dem Mittag.

Deathvlei

Jetzt auch noch Afrika!

So kann das ja nichts werden mit dem Roman! Ständig will einer was von mir. Irgendwelche Freunde, die mich nötigen, Bier mit ihnen zu trinken und die ganze schöne Zeit verlabern. Oder noch schlimmer: Familie. Was kann ich denn dafür, dass ich mit denen verwandt bin! Ständig müssen die ihre Geburtstage feiern. Dann laden sie mich ein und erwarten von mir, dass ich mich auch noch darüber freue. Dabei wohnen die an den entlegensten Orten. Gut, dann kann ich wenigstens im Zug schreiben. Aber jetzt muss ich auch noch in den Urlaub. Nach Afrika!

nashorn

Schöner Mist. In der Kalahari finde ich bestimmt keine Steckdose für meinen Laptop. Und selbst wenn ich irgendwo ein zurückgelassenes Solarpanel finde. Wie soll ich mich aufs Schreiben konzentrieren, während ich zwischen Löwen und Hyänen um mein Leben fürchte?

Ich sag Euch, als Schriftsteller hat man es nicht leicht. Ständig versucht die Welt einen an der Arbeit zu hindern.

Deshalb hab ich jetzt eine neue Strategie: die Strategie des minimalen Widerstands. Soll die Welt doch mal probieren mich am Schreiben zu hindern, wenn ich es gar nicht versuche. Ha! Versuchsdauer: 3 Wochen

Bis dann.

P.S.: Falls Ihr nichts mehr von mir hört, hab ich mir das Nashorn von zu nahem angeschaut.

Der erste Satz

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Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. 

So beginnt Wolfgang Herrndorfs Jugendroman »tschick«. Eine ungewöhnliche Kombination vertrauter Elemente zieht den Leser in die Geschichte hinein. Der sinnliche Eindruck der Gerüche erzeugt das Gefühl, mit geschlossenen Augen an einem Ort zu stehen, den man noch nicht kennt. Man öffnet vorsichtig die Augen und sieht die Kaffeemaschine. Dann spürt man das Blut im Schuh.
In nur zwei kurzen Sätzen werden schon drei Sinne angesprochen und der Leser liest weiter, denn er fragt sich: Wieso ist da Blut?
Und schon ist der Haken drin. Der arme Leser hängt an der Angel, und während er nach der Antwort sucht – im ersten Absatz, der ersten Seite, dem ersten Kapitel – tauchen immer mehr Fragen auf, die er nur beantwortet bekommt, wenn er weiterliest. Das tut er natürlich gern, denn das Buch ist intelligent, witzig und so luftig leicht geschrieben wie Hefekuchen.

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Die erste Fassung meines Roman-Exposés ist fertig, ich warte auf die Kommentare meiner Testleser und beschäftige mich mit der Frage:

Wie beginnt man einen Roman?

Blut ist ein starker Reiz, ein Zeichen von Gefahr. Wir wollen wissen, was passiert ist und ob der Held die Gefahrensituation überwindet. So eine Frage aufzuwerfen ist wichtig für einen guten Romananfang, aber es muss nicht immer um Leben und Tod gehen.

Nick Hornby beginnt seinen Roman »Juliet, Naked« mit den Worten:
They had flown from England to Minneapolis to look at a toilet. The simple truth of it struck Annie when they were actually inside it.
Schon dieser erste Satz zeigt Hornbys Witz und es bleibt die Frage: Wieso würde das jemand tun?

Dem toten Fuchs fehlte ein Eckzahn. Von dem Präparator bis in alle Ewigkeit zu einem hämischen Grinsen verdammt, legten die hochgezogenen Lefzen das fehlerhafte Gebiss in aller Schonungslosigkeit frei.
Dieses skurrile Bild erzeugt die passende Stimmung für Sarah Geraldine Nisis Kurzgeschichte »Bühne frei« und es hinterlässt einen mit der Frage: Warum fehlt dem Fuchs ein Zahn?

Was den Duft von Blut und Kaffee, Flugreisen zu Toiletten und schadhafte Tiergebisse vereint ist, dass sie Aufmerksamkeit wecken, indem sie einer gewöhnlichen Szene unerwartet eine neue Seite geben.
Kaffeegeruch ist uns vertraut und so alltäglich wie Flugreisen oder ausgestopfte Tiere. Es fällt leicht sich diese Dinge vorzustellen, doch sie allein wecken kein großes Interesse. Dafür bedarf es der Reibung mit einem ungewohnten Element.

Hier nun mein erster Entwurf eines Anfangs:

Die Stimme aus dem Fernseher dringt gedämpft zu mir ins Badezimmer – sie berichten über meinen Tod. Kleine Blutstropfen fallen aufs Porzellan und laufen in hässlichen Schlieren zum Ausguss. Eigentlich nicht überraschend. Wenn man zuviel kokst, versaut man sich irgendwann die Schleimhäute.

Wie findest Du das? Und wie beginnt Dein Lieblingsroman?